90 Jahre Lourdesgrotte in Gillenfeld


Es war im Jahr 1936, als der damalige Pfarrer von Gillenfeld Dr. Wilhelm Keller den Entschluss fasste, mitten im Dorf etwas Neues zu errichten: Eine Lourdesgrotte zu Ehren der Gottesmutter Maria. Junge Leute aus der Pfarrei führten den Bau mit aus. Katholische Jugendorganisationen hatten vor allem ab 1934 unter massiven Einschränkungen zu leiden. Ab Juli 1935 untersagte das Regime ihnen durch Polizeiverordnungen jede nicht-religiöse Betätigung. Damit war praktische kirchliche Jugendarbeit verboten. Doch Pastor Keller ließ sich von diesen Schikanen nicht unterkriegen. Als 1936 die Lourdesgrotte gebaut wurde, schrieb er im Gillenfelder Pfarrboten: „Wir möchten gerne der lieben Mutter Gottes ein Denkmal setzen zur Erinnerung an unsere Christustreue in schwerer Zeit!“
Nach außen hin war dies natürlich eine religiöse Angelegenheit und von daher von den Machthabern nicht zu beanstanden. Doch wer Pastor Keller kannte, der wusste sofort: Mit diesem Aufruf zur „Christustreue in schwerer Zeit“ war zugleich eine grundsätzliche Kritik an der nationalsozialistischen Ideologie verbunden. Aus dieser Grundsatzkritik hatte Pastor Keller schon seit langem keinen Hehl gemacht – sowohl in seinen Predigten als auch im Gillenfelder Pfarrboten. So schrieb er beispielsweise im Pfarrbrief zu Mariä Himmelfahrt 1932: „Volk ohne Gott: eine Räuberbande! Staat ohne Gott: ehrlos und voller Schande! Mit Gott! Aufsteigend wie die Morgenröte, wie die Sonne, schön wie der Mond, erhaben wie ein gerüstetes Heerlager! Das ist der Sieg, der die Welt überwindet! Euer Glaube! […] Für uns ist das Fest Mariä Himmelfahrt neben dem Ruhme der Gottesmutter ein Fest, das uns die Erhebung der Menschenseele in der Religion darstellt. Losgelöst von der Armseligkeit und Wechselwendigkeit der Erde durch Arbeit und Opferbereitschaft, angetan mit der Wahrheit des Glaubens und der wahren Menschenliebe, gekrönt mit der Auserwählung der Kindschaft Gottes und in der seligen Hoffnung auf die ewige Freude und Seligkeit. Eine Hoffnung, die nicht trügt, die das ganze Erdenleben durchwärmt und durchkraftet.“ Und im Osterpfarrbrief 1934 schrieb er: „Wie wird doch heute versucht, die Osterbotschaft zu überschreien mit der ‚artgemäßen Religiosität‘ des Neuen Deutschland, mit den sogenannten ‚Offenbarungen von Blut und Rasse‘, mit der blinden Naturkraft als höchster Gottheit!“
Pastor Keller stellte der Ideologie seiner Zeit immer wieder den christlichen Glauben entgegen. Dabei schien ihm besonders wichtig zu sein, die ihm anvertrauten Pfarrangehörigen auf die Treue zum katholischen Glauben einzuschwören. Diese „Treue“ erwähnte er sowohl in seinen Worten über die Errichtung der Lourdesgrotte („Christustreue in schwerer Zeit“) als auch in seinem Andreaslied, das er eigens für die Pfarrei dichtete und dessen Refrain lautet: „Nur Christus die Treue, nie gebt den Glauben feil! Drum schwören wir aufs Neue: Im Kreuz ist Sieg und Heil!“ Dieses Lied bringt unmissverständlich die Überzeugung zum Ausdruck: In keinem anderen Zeichen ist das Heil zu finden als im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Der Preis für den Mut von Pastor Keller war hoch: Er kam zwar nicht in Haft, aber musste kurz nach der Errichtung der Mariengrotte seine Pfarrstelle verlassen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Lourdesgrotte, die vor 90 Jahren errichtet wurde, ist bis heute ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass der christliche Glaube Menschen wappnen kann vor Ideologien von Hass und Gewalt. Diese Botschaft hat auch in unserer Zeit nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Herzlich lade ich Sie daher ein, dass wir das Jubiläum der Gillenfelder Lourdesgrotte gemeinsam begehen. Am Donnerstag, 22. Oktober wird es nach der Feier des Pontifikalamtes eine Lichterprozession zur Lourdesgrotte geben und wir werden um den Frieden in der Welt beten.
Ihnen allen eine gesegnete Zeit!
Ihr Pastor Jonas Weller
